#coronatagebuch

In regelmäßig unregelmäßigen Abständen berichten Nicole Tröger (NT), Elsa Weise (EW) und Tom Wolter (TW) von Erlebnissen, Gedanken und Ideen in den Tagen der vorübergehenden Schließung des WUK Theater Quartier.

Dienstag, 17. März 2020 Tag 5

Im Kalender löschen. Im Kalender ändern. Im Kalender schieben. Auf unbestimmte Zeit? Wir hoffen, dass wir am Tag X wieder starten können. Nur wann wird der sein? Zunächst widmen wir uns dem digitalen Zeitalter. Das Alternativprogramm AUF SENDUNG wird von Nicole, Mereth und Tom gefüllt und mit einem Antrag untersetzt.

Sarah erfährt, dass die Kitas in Leipzig bis Mitte April schließen werden. Sie fragt sich, wann sie die nächsten fünf Wochen fürs WUK arbeiten kann. Ganz früh? Ganz spät? Gern hätte sie jetzt Tentakeln. Ich kann das gut nachvollziehen.

Juliane sendet Bilder. Und Worte. „(…) wie alltäglich der Frühling seine Fahnen hisst, zwitschernd, als ob nichts ist, nichts was wir sehen.“

Ich fasse den Entschluss Halle mehrere Wochen den Rücken zu kehren und das Weite zu suchen. Zu sehr fühle ich mich jetzt schon eingesperrt. Ich muss mich an die Video- und Telefonkonferenzen gewöhnen. Zu sehr bin ich an unsere konspirativen Runden gewöhnt. Werden sie ersetzbar sein? EW

Montag, 16.3.2020 Tag 4

Erster Tag im Homeoffice bzw. ich habe mich dazu entschlossen den Vormittag über von Zuhause zu arbeiten. Gestern Abend im WUK meinte Tom, dass es sein könnte, dass wir uns nun länger nicht sehen. Heute beschließen wir, dass es so sein wird!

10Uhr bin ich mit Elsa und Tom zur Telekonferenz verabredet. Ich suche in meinem Smartphone nach dem Button Konferenz…es gibt ihn nicht. Stattdessen sendet mit Tom eine Nummer mit der Vorwahl Wuppertal und den passenden PIN. Wuppertal…denke ich. Wuppertal liegt im Ruhrgebiet…mehr weiß ich nicht über Wuppertal! Länger kann ich auch gar nicht darüber nachdenken, denn wieder müssen wir Entscheidungen treffen. Wir schließen das WUK Theater Quartier komplett. Keine Proben, keine Werkstätten, keine Arbeitstreffen, Veranstaltungen eh nicht! Auch wir wollen die Kontaktketten möglichst unterbrechen. Also keine persönlichen Kontakte, wenn es auch anders geht. Die einzigen zwei Menschen, die das WUK ab jetzt betreten werden, sind Sven und Ich. Ich verstehe unsere Entscheidung rational und sachlich. Sie ist konsequent! Es gibt immer mehr Infizierte, Dunkelziffer nicht bekannt! In Halle sind es inzwischen 19. Innen wühlt mich das Schließen trotzdem auf. Das hat so etwas von Apokalypse. Die Schotten dicht machen, abschirmen, alles auf Standby. Abwarten. Ausharren….nur weniger passiv! Das können wir uns nicht leisten. Elsa, Tom und ich besprechen weiter den Ernst der Lage. Die Stadt hat noch immer keine Entscheidung zur Fördervergabe 2020 getroffen. Für uns heißt das, dass wir schon seit drei Monaten ohne Förderung arbeiten. Drei Monate. Nun können wir nicht einmal mehr durch Einnahmen unser Zahlungsdefizit kompensieren. Der Virus trifft uns akut und intensiv. Wir besprechen Handlungsmaßnahmen. 1. Brief an die Stadt schreiben – Hilfe fordern – Jetzt! 2. Die Mitarbeitenden/ Partner*innen informieren – Homeoffice für alle verordnen – Termine absagen, verlegen, digital stattfinden lassen. 3. Paypal und Startnext starten Hilfsprogramme für Kunst- und Kulturschaffende- informieren – Texte und Videos vorbereiten – online gehen! 4. Antrag vorbereiten AUF SENDUNG- digitales Ersatzprogramm während der Pandemie. 5. Sich solidarisieren mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden der Stadt.
Viel zu tun – Laptop auf – loslegen! Gegen Nachmittag bin ich im WUK- fast allein! Madame Kurt Wabbel begrüßt mich mit ihrem fordernden, leicht vorwurfsvollen Miauen. Ich bändige den Hunger des Tieres, dann geht sie spazieren. Ich gehe in den Keller und arbeite weiter im Büro. Startnext verlangt ein Video! Ich schnappe mir mein Telefon, im Saal steht noch ein Kamerastativ, dass wir für die Liveschaltungen verwendet haben. Mit Klebeband fixiere ich mein Smartphone am Stativ, stelle es auf einen Rolltisch und beginne meine Kamerafahrt durch das Haus. Kurt Wabbel nutzt die Gunst der Stunde und läuft durch das Bild. Endlich darf sie auch mal mitspielen. 20Uhr verlasse ich unser schönes Haus. Eigentlich fast alles wie immer. Ich komme morgen wieder- allein! NT

Samstag, 14.3.2020 Tag 2

Bis 12Uhr habe ich mir eine Pause eingeräumt vom Denken, vom: wie geht es weiter? 14Uhr bin ich mit Samuel und Karolin verabredet. Krisengespräch 3. Im Dezember haben Karolin und Ich mit den Proben zu „Ja heißt ja und…“einem Text von Carolin Emke begonnen. Auseinandersetzung mit #metoo! Erst am Mittwoch kam Samuel als musikalische Stütze dazu. Das Team fühlt sich komplett an, dachte ich da. Geplante Premiere 3.4.2020. Das ist der Grund unseres Treffens. Wir müssen eine Entscheidung treffen. Premiere ja oder nein und wenn ja wie…ohne Publikum!

Nach unserem Gespräch gestern in großer Runde, waren wir uns einig. Wir vermuten eine Verlängerung des Veranstaltungsverbotes auch nach dem 27.3.20, das heißt wir gehen davon aus, dass wir das gesamte Kapitel #9 absagen werden- damit auch die Premiere! Die Option „vielleicht spielen wir doch wie geplant“, habe ich also schon gestrichen und gehe daher eher trübselig in die Besprechung. Samuel, Karolin und ich sitzen auf dem Hof in der Sonne. Wir haben Ideen: die Krise als Chance begreifen, etwas vollkommen Neues machen, das Stück umschreiben (Livestream, Selfistick, Hörspiel usw.) dann aber wieder Zweifel: Verrat an der bisherigen Arbeit, Verrat an der Idee, am Text selbst! Nach 2h reden, sprechen wir mit Tom. Die Entscheidung wird nicht leichter, die Gedanken aber klarer. Ja heißt ja und…ist ein Theaterabend mit Publikum! Alles andere, alle anderen Gedanken – ein anderer Abend, der wahrscheinlich nicht schlechter und sicher auch spannend wäre, der aber nicht viel übrig ließe von der eigentlichen Idee! Wir beschließen: Die Premiere wird verschoben auf unbestimmte Zeit, die Arbeit ab diesem Moment unterbrochen_beendet! Mir ist kalt. Benjamin ist irgendwann zu uns gestoßen. Er und Tom besprechen den heutigen Livestream. Mein Plan für heute war Abenddienst für Folk Fiction. Ich bin verunsichert. Tom bittet mich zu bleiben, ich bleibe und bin froh nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, was ich mit meiner neu gewonnen Zeit anfangen soll. (Wie merkwürdig das klingt, darüber muss ich nachdenken!) Juliane wird angerufen: „Würdest du heute im ersten Livestream auftreten“ fragt Tom. 1,5h später ist sie da. Mereth bereitet unser erstes Aufnahmeschild vor #aufsendung #wuktheaterquartier 14.03.2020 20Uhr Juliane Blech liest: Tagbuch einer Eintagsfliege. Unsere Kamera ist Mist! Juliane Gesicht ist total überblendet- unsere gespenstische Erscheinung aus dem leeren Saal…naja passt eigentlich. Der Ton ist aber ganz gut. Ich schaue vom PC im Büro unten zu, lausche und bin etwas versöhnt mit dem Abend. Auf facebook sehe ich wenn Leute einschalten. Wenige…aber sie schauen. Gute Arbeit Juliane. Danke wohlgesonnene Freunde. Ich merke: Wir sind nicht allein. NT

Freitag, 13. März 2020 Tag 1

Viele Themen drängeln sich vor, wir versuchen als Vorstand zunächst die momentane Situation zu fassen. Bis 19. April wird es keine Veranstaltungen geben. Nur zwei Personen sind befugt das WUK Theater Quartier zu betreten. Das Kapitel #9 WBLCHKT wird vollständig abgesagt. Abgesagt? Eine wunderbar reiche Spielzeit einfach so abgesagt? Da sind wir schon beim ersten Punkt. Können wir sie nicht verschieben? Nur wohin? Dahin, wo schon die Planungen für #10 IDENTITÄT gesetzt wurden? Das muss abschließend die künstlerische Leitung in Absprache mit den kuratierenden MitarbeiterInnen abwägen. Klar ist trotzdem, dass es in jedem Fall Verlust bedeutet. Verlust von Kontinuität, Verlust wichtiger gesellschaftspolitischer Zielsetzungen und künstlerischer Diskurse. Verlust eines Kapitels, dessen Themensetzung unabhängig von allgemeiner Brisanz als Wunsch aus den eigenen Reihen formuliert wurde. Verlust guter Tage, Abende, der Geselligkeit, des Austauschs, des Wachsens.

Nun heißt es für uns neue Wege gehen. Das klingt gut, gibt es jedoch nur einen einzigen Weg. Ein virales Kulturformat. Ein Programm, das berührt ohne anzufassen. Ein Zeichen, dass man existiert und nicht vegetiert. Dass Einschränkungen im besten Fall Möglichkeiten und Entfaltungen bergen.

Zunächst die Wunschrunde. Ideen rieseln. Was braucht die Publikumswelt?

  1. Einen 24-tägigen Karenzkalender mit Türchen? Jeden Tag eine andere im WUK? Die Social Media Plattformen werden sich füllen in den nächsten Wochen.
  2. Instagram-Stories mit fiktiven Charakteren, schlägt Benjamin vor. Eine Rallye durchs Haus oder sowas.
  3. Einen Live-Ticker, für Veranstaltungen, die nicht stattfinden, für Schauspieler, die sich nicht umziehen, für Personal, was nicht kommen darf, für Publikum, was kommen würde, es aber nicht darf.
  4. Webinare, in denen der gemeine Homie Sapiens bei unserem Experten Herrn Stelbrink Trompete lernen darf. Bei Mangel an Blechblasinstrumenten könne man dann auch Gebrauchsgegenstände aus dem Haushalt benutzen.
  5. DVDs mit Theaterbeiträgen ins Altenheim über die Saale schnipsen. Oder gleich eine Fensterbrett-Aktion vor der Einrichtung ausrufen. „Nee!“ sagt Tom. Zu Recht. Einzig und allein die Möglichkeit von Menschenansammlungen wollen wir vermeiden. 
  6. Eine Audio-Führung durchs leere Haus. Silence is sexy. Hm naja.
  7. Live-Streams auf der Bühne.
  8. Auf einige Beiträge einigen wir uns zunächst, wenn auch die einzelnen Konzepte noch nicht untersetzt erscheinen. Ein #Corona-Tagebuch wird es geben, in dem wechselnd von Tom, Nicole und Elsa über Aktivitäten des WUK-Teams berichtet werden soll. Eine spezielle Video-Premiere für die Inszenierung JA HEIßT JA, UND… mit Karolin Benker, Nicole Tröger und Samuel Mager soll es im April zu sehen geben. Und das Format FUTUR soll als virtuelles Theatererlebnis gezeigt werden und wird von den AkteurInnen neu bearbeitet. Auch soll es dazu eine erweiterte Ausschreibung geben, die Sarah Peglow vorbereitet.

Wir verabschieden uns das letzte Mal mit kaffeeschwitzigem Händedruck und Umarmungen. Wir wissen nicht, wie lange die Krise dauern wird. Nicht nur wir, sondern auch die Theaterkatze Madame Kurt Wabbel wird sich daran gewöhnen müssen.    EW              

Donnerstag, 12. März 2020 Tag 0

Wir stehen aufgeräumt und voller froher Erwartung auf Sebastian Weber im Hof des WUK Theater Quartier. Er kommt zum ersten Gastspiel in Halle mit der Sebastian Weber Dance Company und der Produktion FOLK FIKTION.  Schon seit einer Woche findet unser 9. Kapitel statt #wblchkt. Erstmals mit Gerda. Erstmals mit Sven, es ist eines der spannendsten Programme, welches wir auf die Beine gestellt haben.

In den nächsten Tagen. Dann eine Nachricht, Pressekonferenz des OB. Ich gehe auf dem Hof hin und her und höre mir die Pressekonferenz an. Unterlassung aller öffentlichen Veranstaltungen. Ab wann? Ab dem 13.3., ich verstehe, will aber sofort wissen, was dies genau heisst. Ab wann ist das gültig. Ich informiere Elsa und Nicole. Wir sprechen kurz und müssen entscheiden. Sebastian Weber kommt auf dem Hof, sie haben gerade für die Vorstellung morgen begonnen Material in den Saal zu tragen, aufzubauen. Er fragt, was jetzt ist, eine Kollegin steht am Gate in London und betritt gleich den Flieger…. Entscheidungen. Wir müssen festlegen, obwohl noch nicht klar ist, ob es eine rechtsgültige Allgemeinverfügung ist, dass die Vorstellungen am Freitag und Samstag abgesagt sind.

Sebastian Weber und die beiden aus seinem Team packen ihre Sachen wieder ins Auto, wir umarmen uns. Mit Wünschen, dass wir uns bald sehen…. Denkwürdiger Abschied.

Unser Vorstand trifft sich, Nicole, Elsa und ich beraten, was nun zu tun ist. Unsere Gäste informieren, die Mitarbeitenden, Vorbestellungen absagen, was wird mit den weiteren Vorstellungen; der Oberbürgermeister sprach von einer Frist bis 27.3.2020. Viel zu kurz um geordnet Entscheidungen zu treffen. Wir erhalten keine konkreten Informationen aus der Verwaltung. Erst später wird klar, dass die Allgemeinverfügung wohl erst zum Sonntag wirksam wird, da rechtliche Wirksamkeit eine Veröffentlichung derselben voraussetzt.  Wir werden morgen weiter beraten.

Eine erstmalige Situation. Wie verhält man sich. Untersagung. Nachvollziehbar. Und wir werden damit umgehen können. Müssen.

Am Abend entscheiden wir uns für Freitag das gesamte Team des WUK Theater Quartier zu einer Besprechung einzuladen. Krisensitzung. TW

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